Frühe Neuzeit in Wernigerode (1500 - 1800)

Reformation und Bauernkrieg

Luther selbst diskutierte schon im August 1517 mit dem Ordensgeneral Staupitz im Kloster Himmelpforte seine 95 Thesen, wie von Historikern vermutet wird. Der nach dem Thesenanschlag ausgelöste Glaubenskrieg hatte auch Auswirkungen auf die Grafschaft. Graf Botho "Der Glückselige", selbst bis zu seinem Tode treuer Katholik, duldete in seiner Grafschaft protestantische Geistliche. 
1534 hielt erstmals ein protestantischer Prediger in der Liebfrauenkirche Gottesdienst.
Der im Zuge der Reformation ausgelöste Bauernaufstand fand in Wernigerode nur gedämpften Widerhall. Eine kleine Schar um den Barbier Wiardes plünderten das Kloster Himmelpforte und umliegende Ortschaften. 

Graf Botho III. (der Glückselige) berät sich mit seinen
Räten über die Einführung der Reformation
(Wandgemälde von Conrad Beckmann
im Festsaal des Schlosses Wernigerode)


Hexenverbrennungen

Der aufgeklärte Geist der Reformation hatte keinen Einfluss auf die Unsitte der Hexenverbrennungen. Der besonders im Harz verbreitete Hexen- und Teufelsglauben bot Justiz und Kirche Möglichkeiten, gegen Kritiker vorzugehen. Die Unschuldigen gestanden unter der Folter ihre Schuld an Krankheiten, Epidemien, Missernten und Fehlgeburten. Missgunst und Geldgier förderten das Denunziantentum. In der Stadt sind zwischen 1521 und 1638 28 Hexenverbrennungen urkundlich belegt.

Flugblatt zur Hexenverbrennung von drei Zauberschen bei Derenburg:
Niemand, insbesondere Frauen, war sicher vor einer Beschuldigung.
Ein einfacher Leberfleck galt schon als Teufelsmahl. Eiserne Jungfrauen waren ebenso verdächtig wie Leichtfertige


Der 30jährige Krieg

Wegen des Verdachts der Konspiration von Graf und Bürgerschaft mit dem Feind zog Wallenstein persönlich 1626 mit seinen Truppen in die Stadt ein. Nur der klugen Intervention des Grafen ist es zu verdanken, dass Wernigerode nicht das Schicksal vieler anderer Städte teilte und zerstört wurde. Aber die unter Wallensteins Soldaten ausbrechende Pest kostete ca. 1000 Wernigeröder Bürgern das Leben.
Wenngleich Wernigerode von Schlachten und Brandschatzung verschont blieb, brachten Plünderungen, Einquartierungen und Kontributionen den einstigen Wohlstand der Stadt und seiner Bürger zu Fall. Von den Folgen des Krieges und den anschließenden Einquartierungen preußischer Truppen erholte sich die Stadt viele Jahrhunderte nicht mehr.

Graf Heinrich Ernst verhindert die Rekatholisierung des Ilsenburger Klosters
(Wandgemälde von Conrad Beckmann im Festsaal des Schlosses Wernigerode)


Pietismus in Wernigerode

Der Pietismus, eine protestantische Glaubensrichtung, deren Anhänger tiefe religiöse Frömmigkeit mit praktischer Nächstenliebe verbanden, prägte das öffentliche Leben in der Grafschaft Wernigerode im 18. Jahrhundert.

Das pietistische Handeln des Grafen Christian Ernst fand seinen Ausdruck u.a. in der Öffnung der gräflichen Bibliothek für die Allgemeinheit, die Unterstützung für das örtliche Waisenhaus und der Lateinschule. Der Graf erwartete aber auch von seinen Untertanen eine wahrhaft gelebte religiöse Frömmigkeit und unterband oder reglementierte aus diesem Grund traditionelle Feste und ausschweifende private Feiern. Deshalb standen weite Teile der Bürgerschaft dem Pietismus ablehnend gegenüber.

Laut pietistischer Vorstellung gefährdeten Tanz und Musik den Gewinn der Seeligkeit. Daher erließ Christian Ernst u. a. diese Verordnung 1730 zur Abstellung der Üppigkeit bei Hochzeiten und Kindstaufen.

1736 /37 ließ Graf Christian Ernst auf dem Lindenberg ein Waisenhaus erbauen. Heute ist es Sitz der Nationalparkverwaltung